Ungeduldig kaut sie auf dem Ärmel ihres rosafarbenen Strickjäckchens, das Gesicht zu einer grotesken Grimasse verzerrt. Sie klammert sich an den alten Teddybären, den Oma Gretel ihr zur Geburt schenkte und dessen rechtes Auge wie das unbedeckte Glied des Davids von Michelangelo traurig hängend gen Boden blickt. Mutti wollte ihr damals die neuste Polly-Pocket-Handtasche nicht kaufen, so musste eben Bär Brunos braunes Knopfäuglein dran glauben. Tränchen kullern auf den apfelroten Kinderwangen, begleitet von den durchdringenden Lauten, die nur eine 5jährige von sich geben kann, die alle Ungerechtigkeit der bösartigen Welt soeben in der unmittelbaren Gegenwärtigkeit des Moments an ihrem kleinen, in einem blütenweißen Kleidchen aus Tüll eingehüllten Kinderkörper erfahren musste.
Ich beeile mich ja, ich beeile mich ja, denkt sich die von den alltäglich anstehenden Hausarbeiten geplagte Familienmanagerin, getrieben von dem Gefühl der vollkommenen Überforderung und der ständigen Verspätung. Aber wo steckt denn nur der Autoschlüssel unseres dunkelblauen VW Tourans, der von spätsommerlichen Sonnenstrahlen liebkost gelassen in der Einfahrt des idyllisch im Grünen gelegenen Einfamilienhauses auf seinen nächsten Dienst wartet? Und wo verdammt noch mal ist der Stadtplan, der uns an Klein-Chiaras Geburtstag zu ihrem geliebten Sozialzoo führen soll?
Nun gut, es ist an der Zeit, diese von Klischees und Product Placement überladene Sequenz aus einer ZDF Vorabendserie zu unterbrechen. Sozialzoo? Das ist kein neuer Themenpark, in dem bemitleidenswerte ABM- Teilnehmer als gigantisch flauschige Zweibeiner mit tellergroßen Augen und Dauergrinsen von Kindern mit schlumpfblauem Chemie-Eis bespuckt und mit Popcorn beworfen werden.
Sozialzoo, das ist auch keine neue Sendung auf RTL II, die sich gestresste Altakademiker nach einem anstrengenden Tag im schwarzen Kostüm oder dunklen Maßanzug auf ihrem ausgesessenem Ikea-Sofa gemütlich vor dem Zubettgehen ansehen, um mal zu schauen, was in der von Kurt Beck neu entdeckten Unterschicht – Verzeihung, Prekariat! - eigentlich alles so abgeht.
Also, fangen wir klein an. Sozialzoo, das ist in ein Magazin. Ein Onlinemagazin, wenn man es genau wissen möchte. Fünf Autoren versuchen hier jegliche alltäglich erlebte, widerfahrene und standhaft auf ihren kleinen Schultern getragene Kuriositäten dieser Welt niederzuschreiben. Die Redaktion besteht aus einem Soziologen, einem Sozialwissenschaftler, einer Soziologin und Anglistin und zwei Philosophen. Ok, ausnahmsweise sind wir mal ehrlich: man kann vor jeder wissenschaftlichen Qualifikation eigentlich ein „zukünftig“ setzen. Wie sollte es anders sein. Vorlaute Studenten haben all das hier zu verantworten.
Uns alle eint der erstaunte, anbetenden, erfreute, belächelnde, und zuweilen mit Unverständnis strafende Blick ob der Schönheit, Seltsamkeit, Verrücktheit, Absurdität und Unglaublichkeit der Welt, der sie bewohnenden Kreaturen und der in ihr vorhandenen Gegenstände. All dem versuchen wir hier in Worten Gestalt zu verleihen; das gewollt unfassbare und ungreifbare in einer distanzierten Form fassbar und greifbar zu machen – ohne sich jedoch dabei die wundgetippten Fingerchen zu verbrühen - ebenso wie das gewollt fassbare und greifbare in einer verehrenden Form kraft der uns in unserer Sprachlosigkeit zur Verfügung stehenden Sprache in unser Herz zu schließen - ohne es jemals wieder loslassen zu müssen.
Einer meiner Philosophieprofessoren wurde nicht müde uns immer wieder darauf hinzuweisen. Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen, sagte der uns mit Weisheiten erschlagende alte Herr in dem übergroßen dunkelblauen Sakko und dem Gesicht eines bald in Rente gehenden Berufsclowns, nehmen Sie das bitte wörtlich! Er setzt die Brille theatralisch ab und nimmt sie in die rechte, leicht angehobene Hand und schaut grübelnd in die nicht vorhandene Ferne. Nach einer bedeutungsschwangeren Pause fährt er fort. Theoretiker, das leitet sich aus dem altgriechischen „theoros“ ab, dem Beobachter! Stille.
Es liegt uns, den Redakteuren des Sozialzoos, gänzlich fern, neue theoretische Gebilde aufzustellen und diese angesichts unserer Selbsteingenommenheit auf diesem Blog der akademischen, im Elfenbeinturm Autoquartett spielenden und im Studivz zeitverschwendenden Elite verkaufen zu wollen.
Wir wollen lediglich der Mannigfaltigkeit kraft unserer Einfältigkeit ein Forum bieten.
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